Hier eine Sammlung

Schieben bis zum Umfallen (Neu)
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Und was machst du nachts
Aber ich dachte, das sind Christen?
Was machst du, wenn du eine Panne hast?
Addis Ababa und die Wilden Tiere
Regen(ohne)wald
Ist dies die Straße nach…?
Give me my money!

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Und was machst du, wenn du eine Panne hast?

Und was machst du, wenn du eine Panne hast? Diese Frage wird mir fast täglich von den unterschiedlichsten Menschen gestellt. Meist müssen sich diese Menschen mit der schlichten Antwort: „ich repariere sie!“ zufrieden geben.
Wäre es doch nur so einfach! Jeder der schon mal während eines Sandsturmes versucht hat einen Platten zu flicken, wird wissen, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, das verflixte Loch im Schlauch zu finden. Letztendlich sind derartige Situationen aber die Ausnahme. Viel häufiger wird der Reifen gerade auf den Straßen, auf denen Mensch es am wenigsten erwartet, gerade so perforiert. Den je besser die Straße, so schneller der LKW. Und je schneller der LKW, so kleiner die Reifenfragmente. Verflucht sei der Erfinder des Stahlmantelreifens. Denn die sind es, die für die meisten meiner Platten verantwortlich sind. Diese haardünnen Drähte lauern immer an genau den Stellen, an denen mensch sie am wenigstens erwartet und vor allem am wenigsten brauchen kann.
So kam es dann auch, dass ich, in das recht zweifelhaft Vergnügen kam, mitten in einer Provinzstadt einen platten Vorderreifen zu flicken. Eigentlich war ich gerade auf der Flucht vor einem recht imposanten Gewitter, welches sich schon seit einer Weile durch recht lautes Donnergrollen ankündigte, und kam nur kurz in die Stadt, um mich um mein Abendessen zu kümmern. So zu mindestens die Idee. Als ich wieder aus dem Laden kam, sprach mich einer der Männer, die sich wie immer um mein Rad versammelt hatten, an, dass ich zu wenig Luft im Reifen hätte. In der Gewissheit, dass ich keine halbe Stunde zuvor den Reifen aufgepumpt hatte, entgegnetet ich selbstbewusst, dass das nicht seien könne. Um Gesagtes zu untermalen klopfte ich blind auf den Reifen. Glücklicherweise ging der folgende, recht unchristliche Fluch im ohrenbetäubenden Krach eines nahen Blitzeinschlages unter.
Aber wie das in Afrika so ist fand ich mich recht schnell mit der Widrigkeit ab und machte mich ans Flicken. In kürzester Zeit versammelte sich nahezu die gesammte Stadt, um zu begutachten, wie der „Muzungu“ (Kiswahili für Weisser) einen Reifen flickt. Schon nach kurzer Zeit ging mir die immer näher rückende Menschenmenge ziemlich auf die Nerven. Als „alles ignorieren“ nichts mehr half fragte ich, ob sie noch nie gesehen hätten, wie jemand einen Reifen flickt. Worauf hin mir ausgerechnet vom Radmechaniker, der seinen Laden quasi als Hintergrundkulisse hatte, ein fröhliches Nein erwidert wurde. Glücklicherweise war ich mittlerweile fertig mit der Reparatur und konnte, nachdem ich mir recht unsanft einen Weg durch die Menge gebahnt hatte, die ganze Szenerie hinter mir lassen. Mittlerweile regnete es natürlich in Strömen.

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AddisAbaba und die wilden Tiere

Wer sich unter Slums einen Gürtel aus Wellblech und Bretterverschlägen um die eigentliche Stadt vorstellt, der hat sich, in diesem Fall, wahrscheinlich im Kontinent vertan. Den in Addis Ababa ist alles irgendwie anders. Hier wird das Stadtzentrum von Slums gebildet, durchmischt mit „modernen“ Hochhäusern und Anzugträgern, die geschäftig vom Hilton zum Siemens Haus hetzen.
Versucht mensch die Ursachen für den allgegenwärtigen Stau ausfindig zu machen, (erstaunlicherweise gibt es in Addis eine Vielzahl funktionierender Ampeln, an die sich sogar die meisten Verkehrsteilnehmer halten), welche dafür verantwortlich sind, dass Addis auf Platz 3 der Hauptstädte mit der größten Smogbelastung liegt, so wird er/sie schnell, neben der totalen Überlastung, an einer recht unerwarteten Stelle fündig. Marodierende Ziegenherden blockieren Kreisverkehre, störrische Esel ringen mit Lastwagenfahrern und traumatisierte Pferde stehen träumend auf der Straße. Und um dem Ganzen noch eins drauf zu setzen bildet der Kuhdung mit den allgegenwärtigen organischen Abfällen unbekannter Herkunft eine schmierige Masse, die das Vorankommen, auf den zum Teil recht beachtlichen Steigungen, nahe zu unmöglich macht. Letztendlich aber sind das die eher belustigenden Seiten Addis Ababas (Äthiopische Schreibweise. Überall anders heisst es Addis Abeba). Die Schattenseiten diese Spektakels, sind, wie vielerorts in Afrika, Hunger und Elend. Allerdings ist Addis in dieser Hinsicht wohl Spitzenreiter. Lepra ist so allgegenwärtig, wie es im Europäischen Mittelalter wahrscheinlich nur während ausgewachsener Epidemien war, wohin der Blick auch fällt, schleppen sich, durch Polio und andere Lähmungserkrankungen, die in Europa schon seit Jahrzehnten für ausgerottet gelten, behinderte Menschen jeden Alters durch die Straßen und so mancher der, scheinbar schlafendend auf der Straße liegt, ist auf den zweiten Blick schon seit einer geraumen Weile tot.

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Regen(ohne)wald

Die Tropen, die sich rund um den Äquator ansiedeln, sind ja bekannt für ihr feuchtheisses Klima. Und natürlich für den Regenwald. Nun, das sind zwei Vorurteile, die ich zu mindestens für das östliche Afrika nicht bestätigen kann. Oder zu mindestens nur teilweise. In Bezug auf feucht kann ich da durchaus zustimmen. Alles andere ist eindeutig aus der Zeit der Romantik und der großen Entdecker als Wunschtraum hängen geblieben. Auf dem weg nach Ruanda habe ich nun schon zum fünften mal den Äquator überradelt, und halte mich somit wohl schon eine ganze Weile in der tropischen Region auf. Ein gutes Indiz hierfür ist der, seit Monaten anhaltenden Dauerregen. Regen, das meint hier standardgemäß, das, was in Europa weitestgehend als schwerer Wolkenbruch bezeichnet wird. Selten hält dieses meteorologische Ereignis länger als 20 Minuten an. Dafür kommen in diesen 20 Minuten Wassersäulen von bis zu 30cm zu Stande. Damit hat es sich aber auch schon wieder, was die Tropenromantik angeht. In Bezug auf die Hitze sollte vielleicht erwähnt werden, dass hier die Klimazonen Horizontal verlaufen. Sprich je tiefer der Ort liegt, des so heisser wird es. Nun spielt sich hier aber so ziemlich alles auf einer Höhenlage ab, die in den Alpen schon als hochalpin bezeichnet werden kann. Selten befinde ich mich unter 2000m und selbst die tiefen Punkte, wie der Victoriasee, befinden sich auf knapp 1200 Meter. In sofern ist es kaum verwunderlich, dass die Temperaturen eher erträglich als angenehm oder gar heiß sind.
Nun aber zu dem eigentlichen Thema, den Wald. Wer die Geschichten der Nilquellen-Entdeckung und vielleicht auch noch die Berichte von Stanley oder Livingstone, worauf letztendlich bis heute das Bild Afrikas aufbaut, gelesen hat, wird Geschichten von wochenlangen Urwaldwanderungen und den erstaunlichsten Ergebnis evolutionärer Entwicklung im Kopf haben. Nun, das ist nun auch schon wieder über 200 Jahre her. Seit dem hat sich viel getan. All diese Regionen wurden kolonialiesiert, wieder unabhängig, die Bevölkerung ist geradezu explodiert, etc. Aber da bleibt immer noch die Frage: Wo ist all der Wald hin? In den Zwei Monaten Kenya habe ich gar nichts gefunden, was dem Namen Wald auch nur ansatzweise entspricht (vielleicht hab ich auch nur nicht intensiv genug gesucht?) in den nächsten zwei Monaten in Uganda wollte ich es dann wissen. Also habe ich mich gezielt auf die Suche gemacht. In Kampala habe ich dann erfahren, dass es einen Nationalpark am Südwestliche Ende Ugandas gibt. Also habe ich mich auf mein Rad geschwungen und mich auf den Weg zu der 350km entfernten Insel Wald gemacht. Auf dem Weg dort hin habe ich intensiv Ausschau gehalten. Kaum Besiedelung, weit weg von großen Städten, keinerlei Infrastruktur. Eigentlich beste Bedingung für unberührte Natur, so dachte ich. Aber genau in letzterem Punkt liegt der Haken. Dort wo ich den Regenwald vermutet hätte, fand ich satt dessen Berge von Holzkohle. Und viele verbrannte Baumreste. Gepaart mit endlosen Zuckerrohrplantagen, die westlichen Zuckerhunger und Biodieselsucht zu stillen versuchen. Nach drei Tagen Kahlschlag fand ich dann doch noch, was ich gesucht hatte. Wald in ursprünglicher Form. Militärisch abgesichert und mit einem Eintrittspreis von 25$ pro Tag plus Führer.

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Ist dies die Straße nach…?

Stellt man diese Frage an einer beliebigen Kreuzung, irgendwo in Afrika, so wird die Antwort wahrscheinlich immer „Ja“ lauten. Zum Glück gibt es aber meistens eh nur eine Straße. Somit ist es meist eher eine Kunst, sich zu verfahren. Sollte mensch jedoch einmal wirklich in die Verlegenheit kommen, nach dem Weg fragen zu müssen, so ist es ratsam, vorher ausfindig zu machen, was als sinnvolle Antwort in Frage kommt, und gegebenenfalls einen Kompass zu konsultieren. Ich habe mir mittlerweile angewöhnt, so viele Menschen wie möglich zu fragen und mich dann nach dem Durchschnitt zu richten.
Zum ersten Mal ist mir so richtig aufgefallen, dass die meisten Menschen auf diesem Kontinent nur sehr bedingt fähig sind, einem Auskunft über den Weg zu geben, als ich in einer Sudanesischen Kleinstadt eine Nilfähre gesucht habe und selbst auf Arabisch nur Verwirrung und Einladungen zum Mittagessen bekommen habe. Eigentlich ist ja nichts dagegen einzuwenden, zum Essen eingeladen zu werden, nicht jedoch, wenn die Fähre nur zwei mal täglich fährt. Seit dem habe ich versucht, die Gründe für dieses Verhalten herauszufinden. Bisher habe ich hier zu eine Reihe Erklärungen gefunden:
Die eine ist schlicht und einfach die, dass keiner zugeben wird, wenn er etwas nicht weiß. Selbes begründet, das die Frage, ob jemand Englisch spricht, immer mit Ja beantwortet wird; genau so gut könnte aber oftmals der Gegenüber auch gefragt werden, ob er ein inkompetenter Schwachkopf ist. Die Antwort würde mit Sicherheit gleich ausfallen.
Die andere Erklärung ist, dass, verzeiht meine Ausdrucksweise, konsequentes Arschkriechen, insbesondere gegenüber Weissen, als gute Umgangsform zählt. In diesem Falle wird der gegenüber immer genau das antworten, von dem er denkt, dass der Fragesteller es hören will. Leider deckt sich das recht selten mit der gewünschten Antwort.
Und die letzte Erklärung die mit hierzu einfällt ist, dass so gut wie niemand auch nur die geringste Art von Verantwortung übernehmen will. Selbst dann nicht, wenn es um eine simple Wegbeschreibung geht.
All diese Dinge machen dem Reisenden das Leben manchmal nicht gerade leicht. Aber bei Wegbeschreibungen ist das alles noch das geringste Problem. Viel problematischer ist, dass sich das alles auch im sonstigen Leben ausdrückt und somit viele der Probleme Afrikas mit verursacht.

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Give me my money!

Money, Geld. Der einzige Gruß, der international anerkannt ist. Und wohl das Wort, das ich bisher am meisten gehört habe. Scheinbar ist der Satz „give me …“der erste und oftmals auch einzige Satz, der in Englisch vermittelt wird. Dieser kann dann, ja nach Vokabular, erweitert werden. Give me pen, give me bottle, give me was auch immer. Aber meistens ist es dann doch Geld. Wo auch immer ich hinkomme ist dies meist das erste, was ich zu hören bekomme. Nein, das ist nicht ganz richtig, meistens kommt erst erstaunte Stille, gefolgt von einem, an einen Warnruf erinnernder Schrei „Muzungu“ (Kiswahili: eigentlich bedeutet das soviel wie die die Englischsprechern, wird aber allgemein als Weißer verwendet) der dann von allen aufgegriffen und vielfach wiederholt wird, um dann langsam in ein „Give me money“ über zu gehen. Dann kommen da natürlich noch die regionalen Einflüsse hinzu. In Ostafrika kommt ja nach Bildungsgrad noch ein Höflichkeitsfloske hinzu, meistens „How are you“ oder dergleichen, in Äthiopien wird das erste „Muzungu“durch das dort gebräuchliche „Farengj“ ersetzt und die Folgeschreie durch „youyouyouyouyouyouyou-Atempause-youyouyouyouyouyou“ und meist noch mit einer Hand voll Steinwürfen ergänzt. Aber das Grundschema bleibt gleich. Interessanterweise wird der „Give me“ Part oftmals noch um das Wort „my“ ergänzt. Dies ist tatsächlich meist keine Unwissenheit sondern durchaus so gemeint und zeugt meist von größerem Vokabular.
Anfangs hab ich versucht dem ganzem keine Beachtung zu schenken, was mir ganz gut gelang, da ich mich mehr darauf konzentrieren musste den Steinwürfen und Stockhieben auszuweichen. Später , nach dem ich Äthiopien und somit die meiste Aggression, hinter mir gelassen hatte, ist mir dann gekommen, dass es sich hier eigentlich um einen massiven Rassismus handelt. Reduzierung eines Menschen auf die Hautfarbe, andere (höhere) Preise und allgemein eine andere Behandlung (wenn auch meist bevorzugt). Also alle Kriterien erfüllt, um von Rassismus sprechen zu können.
Diesen Gedanken einmal im Kopf, fällte es natürlich recht schwer, derartiges zu ignorieren und ich fing an, mich endlos darüber aufzuregen. Mittlerweile obsiegt mehr die Resignation.
Letzt endlich bin ich mir jedoch nicht mehr sicher, ob in diesen Fall Wut angebracht ist. Letzt endlich währe wohl Mitleid weitaus angebrachter.
Im großem und ganzen ist dies (wie bei Rassismus eigentlich immer der Fall) ein gesellschaftliches Problem. Dem ganzen auf den Grund zu gehen ist nicht so ganz einfach, aber ich will doch einen Versuch wagen.
Wie so vieles beginnt auch dieses Problem in den Anfängen der Kolonialisierung. Da recht viele Missionare anfänglich, nach dem sie zu penetrant das Missionieren anfingen, des öfteren mal endgültige gesundheitliche Einbussen verbuchen mussten, fingen diese an, Geschenke zu verteilen (die übliche Glasperlengeschichte). Daraus entwickelte sich so was wie ein Volkssport. Je mehr was-auch-immer jemand ergattern konnte um so besser. Dieser Sport hat sich bis heute gehalten. Dies erklärt jedoch noch nicht die ausgeprägte Erwartungshaltung, mit dem Sätze wie „Give me my money“geäußert werden. Hier sollte mal ein Blick auf die Standard Vorurteile geworfen werden, die gegenüber Muzungus herrschen. Alle Muzungus sind Millionäre (in den meisten Afrikanischen Währungen stimmt das sogar, aber in Simbabwe ist jeder Millionär). Alles Wissen wurde von Gott an die Muzungus vergeben (so wird z.B. davon ausgegangen, dass alle Weißen ein fundiertes medizinisches Wissen haben). Dieses „Wissen“ wird teilweise sogar in Schulen vermittelt. Hinzu kommt, dass sich viele der Touristen auch genau so verhalten als ob all dies zutreffen würde.
Besonders interessant aber ist, dass in Ostafrika eine Art Kastensythem herrscht. Zwar ist, im Gegensatz zu dem Indischen, ein aufstieg zu Lebzeiten möglich (je mehr Geld um so höher die Kaste. Funktioniert aber auch frei nach dem Motto „Kleider machen Leute“), aber eben nur bis zu einem bestimmten Grad. Die höchste Ebene stellt der Weiße dar. Helle Hautfarbe setzt sogar die Geschlechtertrennung außer Kraft (hierzu in Bälde ein gesonderter Beitrag). Und so wird versucht, Weißen nach Möglichkeit nach zu eifern. Gerade bei Frauen sind Hautaufheller, wenn auch mittlerweile aus guten Gründen verboten, da Hautkrebs noch zu den weniger schlimmen Folgen gehört, sehr gefragt. Denn „Weiß ist sexy“.
Schluss endlich bleibt es aber dennoch Rassismus. Zwar nicht mit derart negativen Auswirkungen, wie der aus Europa bekannte Rassismus, aber eben doch Rassismus. Und oftmals ist es nicht gerade leicht, damit umzugehen. Und ich weiß immer noch nicht was die richtige Antwort auf die „Muzungu“ Rufe ist.

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Aber ich dachte, das sind Christen?

Wenn mensch so unterwegs ist wie ich, bringt das die Last mit sich, dass mensch die selben Fragen immer wieder mit den selben Geschichten beantworten muss. Besonders nervig hier ist die Frage ob ich irgend welche Probleme mit Überfällen unterwegs hatte. Dann muss ich natürlich Äthiopien anführen. Das ist aber fast immer mit Problemen verbunden. Aus irgendwelchen, mir völlig unverständlichen Gründen glaubt scheinbar ein Großteil der Menschheit, dass Äthiopien ein Land voll freundlicher freudvoller Menschen ist. So muss ich alle naslang gegen diesen tiefsitzenden Irrglauben ankämpfen. Was mich jedoch jedesmal an den Rande meiner Beherrschung bringt, ist dann die Nachfrage: „ Aber ich dachte, das sind Christen?“ mit einem leicht ungläubigen bis paralysierten Unterton. Was ist denn das bitte für eine stupide Frage? In welcher Welt leben Menschen, die derartige Fragen stellen? Wie verblendet und blind muss ein Mensch sein um zu denken, dass Christ sein automatisch Guter Mensch bedeutet? Ich meine, bloß weil jemand als Säugling einen Schluck Wasser über den Kopf gekippt bekommt, macht das keinen guten Menschen aus ihm. Dies lenkt das Gespräch dann meist in eine Richtung, die ich eigentlich vermeiden möchte. Religion. Zwar trage ich meinen Atheismus auf Nachfrage offen zur Schau, aber eben nur auf Nachfrage. Leider passiert das viel zu häufig. In Gesprächen mit christlichen Afrikanern, also so ziemlich jedem seit verlassen des Sudan, ist meist eine der ersten Fragen ob ich Christ sei, was vermutlich daher kommt, dass ich mich seit über einen halben Jahr nicht mehr rasiert habe und derart braun gebrannt bin, dass viele mich für einen Araber halten. Religion ist in Afrika so tief eingebrannt, dass selbst Menschen, die sonst perfekt Englisch sprechen, oftmals nicht wissen was das Wort Atheismus bedeutet, was zu sehr langwierigen Gesprächen führt. Das sieht in der kurz Fassung in etwa so aus:

Bist du Christ?
Nein Atheist.
Also also bist du Moslem.
Nein ich glaube nicht an Gott.
Doch nicht etwa Jude? (meist mit leichtem entsetzten)
Nein viel schlimmer.
Welcher Religion gehörst du an?
Keiner!
Oh

Bei dem Punkt Christ = guter Mensch mache ich mir oft auch den Spaß den Umkehrschluss zu ziehen: wie viele Menschen wurden im Namen Gottes ermordet? Wie viele Kriege hat Religion verursacht? Wie viele Kinder verhungern jeden Tag, weil ein realitätsfremder alter Mann in Rom Verhütung verbietet? […] Wenn euer Gott wirklich existiert und so gütig ist wie ihr glaubt, warum geht es euch in Afrika dann so dreckig und uns in Europa so gut, obwohl bei uns so gut wie niemand an Gott glaubt (ich habe von einem Deutschen Missionar erfahren, dass sich in München nur 0,2% der Bewohner als gläubige Christen bezeichnen, das sind weniger als 3000 Menschen. Auf meine Frage, was er dann hier in Afrika mache, bekam ich nur Schweigen zur Antwort). Es ist wirklich erschreckend, wie tief der Glaube hier sitzt. Zur nächsten Schule sind es oftmals zwei Tage Fußmarsch, die nächste Kirche ist nie mehr als 10min entfernt. Wenn ich jemanden frage, wie er seine 12 Kinder füttern will, bekomme ich die Antwort: Gott wird schon einen Weg finden (ca. 8000 Kinder verhungern jeden Tag).
Religion: das beste Mittel, eine Bevölkerung ruhig zu halten und noch mehr Leid ertragen zu lassen. Schließlich ist so immer jemand da, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann und der dann auch noch unantastbar ist. Das hält die Leute davon ab, die wahren Schuldigen ausfindig zu machen.
In diesem Sinne:
Inshallah/So Gott will

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Und was machst du nachts?

Äh… Schlafen. Und du?
Hinter dieser Frage verbirgt sich die Verwunderung, wo ich mitten im afrikanischen Busch Hotels zum Übernachten finde. Die Antwort ist recht simpel. Ich finde sie nicht und wenn doch nutze ich sie im Regelfall nicht. Busch-Camping heißt die Devise. Normalerweise radel ich bis ca. 1-1.5 Stunden vor Sonnenuntergang und fange dann langsam an, mich nach einem geeigneten Platz umzusehen um mein Zelt auf zu bauen oder einfach unter freiem Himmel zu schlafen, wenn das Wetter es her gibt und keine nächtliche Besucher tierischer Art zu erwarten sind (was aber faktisch immer der Fall ist). Als optimalen Campingplatz sehe ich ein ebenes Stück Erde das nicht von der Straße einsehbar ist und so weit wie möglich von der nächsten Siedlung entfernt ist. Nicht, das es nötig wäre, sich vor den Menschen zu verstecken. Zu mindestens nicht aus Sicherheitsgründen (Äthiopien ist wie immer die Ausnahme). Im Gegenteil. Die Male, die ich in Dörfern mein Zelt aufgeschlagen habe, hat das gesamte Dorf meine Sicherheit als persönliche Ehrensache angesehen. Jedoch haben die Menschen hier meist ein anderes Verständnis von Nachtruhe als ich.
In manchen Gegenden ist Camping jedoch einfach nicht möglich. In Ruanda z.B. ist einfach kein Platz, sofern ich nicht irgend welche Felder zerstören will. Von daher gibt es noch die Alternative Kirche oder Waisenhaus.
Auf die Frage, ob ich denn keine Angst vor wilden Tieren habe antworte ich wahrheitsgemäß mit Nein. Wichtig ist nur, das Zelt nach Einbruch der Dunkelheit nicht zu verlassen. Sehr hilfreich ist hier eine leere Plastikflasche mit großer Öffnung im Falle nächtlichen Harndrangs. Tatsächlich hatte ich in Tansania einigemale Löwen um mein Zelt. Anders als in Europa versuche ich das Zelten in der nähe von Gewässern zu vermeiden. Zwar ist Wasser ein Luxus, den die meisten Menschen in der westlichen Welt nicht wirklich zu schätzen wissen, aber Nilpferde sind dann eben doch die Tiere, die die meisten Menschen töten.

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Schieben bis zum Umfallen

Ich erwachte mit dem Mund voller Sand. Nach reiflichen Überlegungen über dessen Herkunft kam ich zu dem Schluss, dass dieser wohl nur vom Boden stammen konnte auf dem ich folglich liegen musste. Vorsichtig öffnete ich die Augen und stellte fest, dass dem tatsächlich so war. Stöhnend rollte ich mich in eine bequemere Position, schloss die Augen wieder und genoss die betäubenden Nachwehen des Ohnmachtanfalls. Mal wieder stellte ich mir die Frage, was zur Hölle ich hier eigentlich machte. Das war nun schon das Dritte mal, das ich ohnmächtig geworden war. Und ich hatte noch 30km vor mir. Also erst die Hälfte dieses verfluchten Sandlochs geschafft. Dagegen kam mir der Van Zyl’s Pass wie ein Wellnesshotel vor. Alle hatten mich vor eben diesen Pass gewarnt und bestritten, dass er mit Rad und Gepäck überhaupt machbar ist. Doch nicht die 120km über melonengroße Felsbrocken , kniehohe Stufen, Steigungen von bis zu 28% und Gefälle bis zu 36% waren der schwere Teil, sonder der Fakt, dass eben dieser Pass in einem riesigen Sandloch endet. Gut, zugegeben: Van Zyl’s ist die technisch anspruchsvollste Radstrecke, die ich bisher gefahren bin. Aber eben gefahren. Mein Rad ist einfach zu schwer zum Schieben. Und auch zu schwer für meine Bremsen. Auf einem der steilsten Passagen war mir das vordere Bremskabel gerissen und ich hatte mich einige male überschlagen. Beim Zusammenpacken des verstreuten Gepäcks musste ich fest stellen, dass mein Tacho den Sturz nicht überlebt hatte. In der Frustration darüber muss ich eine Tüte liegen gelassen haben, die nahe zu all mein Essen enthielt und hab somit nur noch 2kg Reis. Reis. Morgens, Mittags, Abends. Purer Reis. Am Fuß des Passes war ich in Jubelgeschrei ausgebrochen. Fast eine Stunde verbrachte ich damit, den Steinhaufen, den jeder, der den Pass bezwungen hat, dazu verwendet sich zu verewigen, nach einem Hinweis auf einen anderen Radfahrer zu durchsuchen, der vor mir so bescheuert war, das hier zu machen. Erfolglos. Hatte, wer auch immer das vor mir gemacht hat nur keinen Stift dabei oder bin ich tatsächlich der erste, der sich auf diesen Schwachsinn eingelassen hat?
Seitdem ist Schieben angesagt. Nur selten ist der Untergrund fest genug um darauf zu Radeln. Zu schwer ist das Rad. Aber das Hauptgewicht ist Wasser. Kurz vor Van Zyl’s Pass war die letzte Möglichkeit, Wasser zu bekommen. Dort hatte ich 35l aufgeladen. Das war nun fast 3 Tage her. Die nächste Möglichkeit ist in 30km. Genau so gut hätte die nächste Wasserstelle auf dem Mond sein können. Ich muss weiter.
Mühsam stand ich auf und stemmte das schwere Rad hoch. Mit vollem Körpereinsatz versuchte ich mein Gefährt aus dem Flugsand zu ziehen, der mich zu Fall gebracht hatte. Fiel wieder hin, stemmte das Rad wieder hoch und schaffte es schließlich, das Rad frei zu bekommen und begann wieder zu schieben. Es fühlte sich an, als ob ich versuchte, einen Bremsfallschirm durch Wasser zu ziehen. Die Reifen versanken fast eine Handbreit im Sand. Irgendwann gewann das Gras neben der Straße wieder an Dichte und ich versuchte, vorsichtig darauf zu fahren. Nach einigen Versuchen gelang es mir auch wirklich anzufahren und mich im kleinsten Gang durch den Sand zu kämpfen. Am Abend legte ich mich einfach auf die Straße und wurde erst einige Stunden nach Sonnenaufgang wieder wach. Ich kochte eine Hand voll Reis und macht mich daran, die Letzten 10km zu bezwingen. Am frühen Nachmittag kam ich endlich, als, vermutlich dritter Mensch auf einen Reiserad, am Ende des Marienflusstals an. Den nächsten Tag verschlief ich nahezu gänzlich. Das war eindeutig zu viel. Glücklicherweise erklärte sich eine Gruppe Italienischer Touristen bereit, mich mich wieder aus dem Tal zu bringen und mich in Red Drum abzusetzen. Von hier an ging es wieder über die üblichen Steine und Felsstufen weiter, wie ich sie von Van Zyl’s kannte. Am Abend fand ich dann zu meiner Überraschung einen Laden, in dem ich meine verlorenen Lebensmittel ersetzen konnte. Von hier aus ging es dann über 220km Schotter/Sand/Waschbrett Piste zurück nach Opuwo. Unterwegs verlor ich noch einige Rennen gegen den einen oder andern Strauss, die zu dumm sind einfach zur Seite weg zu rennen und sich über Kilometer hinweg die Straße entlang jagen lassen. Ca. 25km vor Opuwo traf ich wieder auf die Hauptstraße. Kaum 500m auf dieser hatte ich den ersten Platten. 2Km später wieder einer. Nochmal 3km und noch ein Platten. Fluchend versuchte ich die Papanie-Bienen, die in etwa die Größe von Frucht-Fliegen haben und sich, anstatt von Blütennektar von Augensekret ernähren, aus meinem Gesicht fernzuhalten, und versuchte den Übeltäter zu finden, der die platten Reifen verursacht. Nach einer guten halben Stunde, von den Bienen nahezu in den Wahnsinn getrieben, wurde ich fündig. Mal wieder einer dieser Drähte von den runtergefahrenen LKW Reifen. Und dann endlich nach zwei Wochen war ich wieder in der Zivilisation.

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2 Antworten auf “Kurzgeschichten”


  1. 1 azzle 06. November 2009 um 22:26 Uhr

    Hi Adrian,

    tolle Geschichten. Zu Deinen Erfahrungen und Ideen in den Kurzgeschichten „Ende in Sicht“ und „Christen“ muss ich Dir zustimmen. Du bist nicht allein.
    Weiter, mit Deiner eigenen Lebensauffassung. Lass Dich nicht unterkriegen, auch wenn es manchmal aussichtslos scheint.
    azzle

  2. 2 Peter Langenegger 26. Juli 2009 um 21:58 Uhr

    Hallo Adrian
    Ich habe Deine Reflexionen bereits in Lusaka staunend entgegengenommen. Es ist für mich wahnsinnig, dass ein 22-jähriger Mann sich so mit Leben beschäftigt, wie Du es tust. Magst Du eigentlich keine Bücher schreiben? Wäre wahrscheinlich einer dieser Menschen, die sofort bei Erscheinen in den Laden sprinten würde um sich den Lesestoff zu besorgen.
    Gruss Peter

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